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Kastenwesen

Nach der hinduistischen Kastenordnung ist die Gesellschaft in vier Hauptkasten aufgeteilt, die sich wiederum in Tausende von Unterkasten aufsplittern. Die Zugehörigkeit wird vererbt. Die Kasten sind geprägt von einer Abstufung ritueller Reinheit. Wer oben ist und wer unten, ist nicht eine Frage von Reich und Arm, sondern des "Reinheitsgrads" des Broterwerbs. So gibt es in Indien viele arme Brahmanen, die der höchsten Kaste angehören, und es gibt auch reiche Dalit.

Dalit steht für Kastenlose. Früher hiessen sie Paria, Unberührbare. Gandhi nannte sie Harijan, Kinder Gottes. Sie selber nennen sich mit einem kämpferischen Unterton Dalit, "Unterdrückte, Ausgebeutete".
Traditionell erledigen die Dalit die Dreckarbeit – alles, was die Brahmanen als unrein betrachten: Tierkadaver entsorgen, das Häuten und Gerben, öffentliche Toiletten putzen, Abfälle beseitigen. Dalit sind aber auch Landarbeiter, landlose Bauern und Tagelöhner.

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Adivasi sind indische Ureinwohner. Als Angehörige verschiedener Volks- und Stammesgruppen sind sie ausserhalb, d.h. unterhalb des Kastenwesens. In ländlichen Gebieten besitzen Dalit und Adivasi in der Regel kein eigenes Land. Sie arbeiten als Tagelöhner im Strassenbau und auf den Feldern der Landbesitzer, was oft kaum zum Überleben reicht. Innerhalb der Dorfgemeinschaft sind die Frauen – und unter ihnen die Witwen – noch schlechter gestellt als die Männer. Sie werden wegen ihres Geschlechts und wegen der Kastenzugehörigkeit diskriminiert und durch das patriarchale System ausgebeutet. Eine Dalitfrau gilt als billiges Spielzeug für Höherkastige. Die Witwen haben nicht einmal mehr den Schutz der Familie.

Nach der indischen Verfassung von 1949 darf zwar kein Inder wegen seiner Kaste diskriminiert werden. Die Realität jedoch ist eine andere: Das Kastenwesen ist tief in der indischen Gesellschaft verwurzelt, besonders in ländlichen Gegenden. Angehörige höherer Kasten trinken aus keinem Glas, das zuvor von einem Dalit benützt worden ist, und erlauben keinem von ihnen, sich auf ihren Stuhl zu setzen. Dalit dürfen vielerorts nicht einmal den Dorfbrunnen benützen, während es dem Vieh und den Hunden erlaubt ist.

Wenn ein Dalit oder ein Adivasi eine Liebesbeziehung mit einer Kastenangehörigen hat, wird dies als lästerlich empfunden. Ganze Dörfer sind für solche "Lästerungen" bestraft worden. In einem Fall wurde einem Dalit-Dorf im Arbeitsbereich von COREED der Zugang zum Trinkwasser verwehrt, in einem andern Dorf wurden die Bewohner misshandelt.

Mehr über das Kastenwesen und seine Wirkung im Artikel "Zerbrochene Menschen" von Peter Jaeggi, erschienen in „Leben+Glauben“ Nr. 9/07